„Wenn ich ich wäre.“

Bob Dylans Spätwerk wird oft unterschätzt. Folge 8 seiner „Bootleg Series“ wird das nachhaltig ändern.

Bob Dylan ist wohl der meistgebootlegte Solokünstler der Welt. Er hat nie etwas dazu gesagt. Doch es zeugt von augenzwinkernder Souveränität, dass Dylan seit 1991 Alben mit apokryphen und Liveaufnahmen unter dem Titel „Bootleg Series“ veröffentlicht. Bootlegs haben in der Rockgeschichte einen magischen Klang. Wer als glühender Fan alles hatte, dem blieben immer noch die heimlich mitgeschnittenen Konzerte, imprägniert und verunziert von Husten, Giggeln und Quatschen, scheppernd, mono, dumpf – aber einmalig. Wer Bootlegs erwarb, der hatte alles Offizielle längst im Regal, dadurch blieb kein legaler Kauf ungetan. Das hebt die Bootlegkultur entscheidend ab vom heutigen Tauschbörsenhandel: Sie mehrte den Nimbus des Künstlers, statt ihn wirtschaftlich zu schädigen. Wer oft gebootlegt wurde, war der größere Star.
Und Dylan wurde zum größten. Der heute 67-jährige Mann aus Minnesota verkörpert archetypisch den modernen Künstler, der vieles zu-gleich ist und nichts davon ständig: Selbstdarsteller, Mythosschöpfer, lächelnder Räuber, Traditionalist, Erneuerer. Einer, der Haken schlägt und immer dann abhaut, wenn ihn die Protagonisten der politischen Korrektheit vereinnahmen wollen. Jenen, die Dylan hassen, aus welchen Gründen auch immer, gehen deshalb schnell die Argumente aus. Meist bleiben sie im öden „Er kann nicht singen“-Ansatz stecken, dabei sind wir doch in der Popkultur und nicht in der Oper.
Die ihn lieben, verfolgen seine Winkelzüge mit faszinierter Neugier, und es gehört zum Deal, dass auch sie sich mal empören über ihn – und doch irgendwann zurückkehren zum schillerndsten, lyrisch und musikalisch schönsten Solowerk der Popgeschichte. Dieses Werk war Dylan entglitten im Lauf seiner unfasslichen Karriere, indem es kanonisiert wurde; Songs wie „Mr. Tambourine Man“ gehörten ihm nicht mehr. Doch seit den späten 80ern erobert er sie sich zurück, indem er sie bühnenöffentlich attackiert, zerhackt und zerschreddert und sie krumm und schief wieder zusammensetzt, bis sie ihm wieder alleine gehören in stolzer Unkenntlichkeit.

Diese Periode ist bisher noch nicht beweiskräftig dokumentiert im Rahmen der „Bootleg Series“, mit der Dylan die Magie der Bootlegs zwar beschwört, doch damit keine illegalen Aufnahmen meint, sondern verspätet doch noch freiwillig rausgerückte. „Vol. 8: Tell Tale Signs“ deckt die Jahre seit 1989 ab, zeigt aber nicht die Dekonstruktion von Songs, sondern ihre Evolution. Und manchmal wird klar, was ein Stück wie das bisher überschäumende „Dignity“ im Grunde seines Herzens ist: eine ironische Pianoballade. „Tell Tale Signs“ bringt Demos, Varianten, Livefassungen von solcher Brillanz, dass uns bald dämmert: Wir unterschätzen sie noch immer, die jüngsten zwei Dylan-Dekaden. „Mississippi“, „Everything is broken“, „Series of Dreams“: Verdammt, das sind auch Klassiker – und nicht nur „Like a rolling Stone“. Manchen dieser Songs hören wir ganz neu. „Ain’t talkin“ etwa, düster glosendes Finale seines aktuellen Albums „Modern Times“, wird entfettet und erhält zum Ausgleich erweitertes Personal. Den „Cocaine Blues“ krächzt Dylan kojotig in den Nachthimmel von Virginia, und „Red River Shore“, einst vom „Time out of Mind“-Album gekippt, klingt wie klassischer Texmexfolk – und ist ja auch ein Klassiker, von Dylan frech hervorgefischt aus einer Truhe voller Americana, um ihn umzudichten und fortzuschreiben.

„Wenn ich ich wäre“, hat Dylan mal in kryptischer Selbstironie zum Schriftsteller Jonathan Lethem gesagt, „würde ich mich auch covern.“ Manchmal, so scheint es, ist Dylan wirklich Dylan; „Tell Tale Signs“ liefert dafür einige Indizien. Mehr ist nicht drin bei ihm. Generell nicht.

Tell Tale Signs: The Bootleg Series Vol. 8 ist seit Anfang Oktober auf dem Markt.

Text: von Matthias Wagner

Foto: Barry Feinstein (1966). Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Schwarzkopf & Schwarzkopf aus dem Fotoband „Real Moments – Bob Dylan 1966–1974“


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Dieser Artikel entstammt der Zeitschrift U_mag, dem Magazin für Popkultur und Gegenwart. Mehr auf www.umagazine.de

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