Das große Vergessen
Niemand schreibt zur Zeit spannender über Liebe, Leid und Lebenssinn als der amerikanische Debütant Stefan Merrill Block. Bei einem Roman, in dem es ausgerechnet um Alzheimer geht, war das nicht zu erwarten. „Meine Hände begannen zu zittern, und ich hatte die paranoide Vorstellung, dass eine Fremde sich die Biografie meiner Mom angeeignet hatte, dazu das flaue Gefühl im Magen, dass Mom offenbar nicht die Einzige war, dass es Millionen dieser zombiehaften Existenzen gab.“*
Der 16-jährige Seth kämpft mit den üblichen Teenieproblemen: Pickel, keine Freunde, keine Chancen bei Mädchen. Und er hat eine Mutter, die von Tag zu Tag merkwürdiger wird: Die gerade mal 35-Jährige leidet an einer Frühform von Alzheimer. „Während ich langsam immer größer wurde, wurde meine Mutter immer kleiner“, lässt Stefan Merrill Block seinen Helden das Problem auf den Punkt bringen. Der neue Shootingstar der US-Literatur fährt dazu einen zweiten, noch freakigeren Erzähler auf: Irgendwo in Texas sitzt der buckelige Abel auf einer heruntergekommenen Farm und wartet auf seine Tochter, die ihn vor vielen Jahren verlassen hat. Den kauzigen Greis verfolgen die Erinnerungen. An seine große Liebe Mae, die dummerweise die Frau seines Zwillingsbruders Paul war, gleichzeitig aber auch die Mutter von Abels Tochter. Und an Paul, der nach seiner Rückkehr von der Armee an Alzheimer erkrankte.
Ziemlich übermüdet sitzt der neue Held im Café des Hamburger Literaturhauses. Kein Wunder, denn zur Veröffentlichung des Debüts in Europa muss Block die Promotour eines Rockstars abreißen. Doch schon ganz Profi versteckt er seine Augenringe hinter einem Sunnyboylächeln und beweist seine Zurechnungsfähigkeit, indem er ohne zu stocken die Städte der letzten fünf Tage aufzählt. Einen doppelten Espresso bestellt er trotzdem.
Stefan, für die deutsche Übersetzung deines Debütromans „The Story of Forgetting“ wurde der Titel geändert. Aber führt „Wie ich mich einmal in alles verliebte“ den Leser nicht in eine völlig falsche Richtung?
Stefan Merrill Block: Ganz und gar nicht. In den USA wurde das Buch leider oft auf Alzheimer reduziert. Es ist aber nicht nur und auch nicht in erster Linie ein Buch über eine Krankheit. Genauso wie es ein Buch über Alzheimer ist, ist es auch ein Buch über das Verlieben.
Vielleicht hast du diese Einseitigkeit selbst provoziert, weil du zur Buchveröffentlichung mit sehr privaten Details an die Öffentlichkeit gegangen bist: Der Familienzweig deiner Mutter leidet unter einer früh auftretenden Variante von Alzheimer, du selbst könntest ein Opfer dieser Krankheit werden, als Jugendlicher hast du den Tod deiner Großmutter miterlebt.
Block: (lacht) Ich habe schon einen leichten Hang zum Exhibitionismus. Durch das Buch bekommt man direkten Zugang zu meinen Gedanken und Ängsten. Darüber rede ich gern, und es war ja auch eine bewusste Entscheidung, diese persönlichen Dinge preiszugeben. Aber ich kann nicht verstehen, warum sich die Medien für mein Apartment oder meinen Hund interessieren. Und mich nervt es, wenn zwischen meiner Biografie und dem Buch gar nicht unterschieden wird. Ich habe nicht einfach über meine verstorbene Großmutter geschrieben, ein bisschen komplizierter ist es dann schon.
In den USA wird Block längst mit New Yorker Kollegen wie Benjamin Kunkel oder Jonathan Safran Foer verglichen. Völlig zu Recht, denn wer auf jeder Buchseite überrascht, im Vorbeigehen all die großen Einrichtungsfragen des Lebens so eigenwillig behandelt und es dadurch sogar schafft, dass sich 20- bis 40-Jährige auf einen Roman über Alzheimer stürzen, der gehört in jedes Feuilleton. Selbst die Hochglanzmagazine belagern den schönen Jungliteraten. Kaum zu glauben, dass er den nerdigen Seth nach eigenem Vorbild geformt hat. Heute debattiert er mit Popkulturjunkies über das neue Album von Conor Oberst, bringt nur fünf Minuten später tantige Yellowpress-Leserinnen mit Anekdoten über seine Großmutter zum Glucksen und erklärt dann dem selbstverliebten Lebemann ein paar Kniffe beim iPhone. Alle sind von dem intellektuellen Collegeabsolventen in Jeans und Hemd angefixt – und nie hat man den Eindruck, Block habe die entsprechende Droge nicht selbst angebaut.
Für ein Buch über Alzheimer ist dein Roman überraschend optimistisch und lebensbejahend ausgefallen.
Ich habe nach positiven Aspekten gesucht, um mir selbst Hoffnung zu machen. Und vermutlich liegt die einzige Hoffnung darin, dass man bei dieser Krankheit die Gegenwart ganz unmittelbar erlebt, so wie Kinder es tun. Mein Großonkel Ralph hat bei der Armee drei Menschen getötet und den Großteil seines Lebens wie ein Einsiedler gelebt. Als ich ihn aber als 84-Jährigen in einer Alzheimer-Klinik besucht habe, traf ich den glücklichsten und zufriedensten Menschen, der mir jemals begegnet ist.
Gibt es auch schon im Alltag eines 26-Jährigen Situationen, in denen man glücklicher ist, wenn man gegen seine Erinnerungen ankämpft?
Block: Klar. Wenn man zu einem Date geht, sollte man auf gar keinen Fall an Verabredungen denken, die man an die Wand gefahren hat, etwa weil man total unsicher war oder wie ein Freak rübergekommen ist. (lacht) Für mich ist das ein hartes Stück Arbeit, weil ich verdammt viel vergessen muss …
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.. gefunden in: Dieser Artikel entstammt der Zeitschrift U_mag, dem Magazin für Popkultur und Gegenwart. Mehr auf www.umagazine.de Kostenloses Probeabo |
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