Die vertikale Oase
Was zunächst wirkt wie ein künstlerisch geformter Grashügel entpuppt sich bei näherem Hinsehen als exklusive Modeboutique. Ann Demeulemeesters neuer Shop in Seoul setzt neue Maßstäbe in Sachen Gegenwartsarchitektur.Bei den Entwürfen der belgischen Modedesignerin Ann Demeulemeester spielen die Vergänglichkeit und der Hauch des Unfertigen stets eine wichtige Rolle. In ihrem neuen „Showroom“ in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul spielen sich nun auch die Charakteristika ihrer Modekollektionen wider. Denn unfertig werden die Räume immer sein. Ihre lebende Fassade aus Moos und Kräutern wächst ununterbrochen und wie auch Demeulemeesters Mode entwickelt sich das Gebäude somit Tag für Tag weiter.
Das frühere Wohnviertel Gangnam wird aktuell immer mehr zu einer lebendigen Geschäftsgegend mit kleinen Läden und Restaurants. Wie Seoul generell, ist auch dieser südliche Stadtteil für europäische Verhältnisse unvorstellbar dicht besiedelt – für die Natur bleibt hier, mit Ausnahme des Dosan Parks, wenig Platz übrig. Deshalb fällt sie beim ersten Anblick sofort auf, die kleine grüne Oase inmitten des städtischen Lebens, zwischen geteerten Straßen und Steingebäuden. Der scheinbare Grashügel ist etwas kleiner als die ihn umgebenden Häuser und obwohl er einerseits sofort ins Auge sticht, könnte er andererseits auch für einen der wenigen Bäume gehalten werden, die sich tapfer im Beton festkrallen. Zudem wird er an allen drei Seiten durch einen üppigen Bambuswald von seinen Nachbarn abgeschirmt.
Den Architekten Minsuk Cho und Kisu Park vom lokalen Architektenbüro Mass Studies ist mit dem Shop eine perfekte Verflechtung zwischen Innen und Außen, zwischen Natur und Kunst gelungen. Die komplett grün bewachsene Fassade stellt einen „vertikalen Garten“ dar, der sich wie eine Pflanze um die hellen, großen Fenster ragt. Innen tragen die grell weißen Räumlichkeiten im Kontrast zu den Treppen und Decken aus Naturstein den Außen realen Machtkampf zwischen der Natur und städtischer Architektur weiter aus. Durch die bewachsenen Wände sogar im Treppenhaus werden dabei die beiden Komponenten jedoch nie voneinander getrennt, so dass es wirkt, als würde man über die Treppe in eine unberührte Höhle gelangen. Gekonnt spielt die Architektur von dem Bauwerk, in dem sich nicht nur Demeulemeesters Shop, sondern auch ein Restaurant und ein weiteres Geschäft befinden, also mit den Kontrasten, wie auch Problemen der dicht besiedelten Stadt. Mass Studies hat für die belgische Mode-Ikone somit einen ganzen Organismus geschaffen, der auf eine einzigartige Art und Weise die Natur mit der Kunst verschmelzen lässt.
text: von laura schneider
fotos: mass studies
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