Karriere aus der Kiste
Die Songwriterin Ingrid Michaelson verkaufte dank einer TV-Serie schon hunderttausende Platten – in Eigenregie. Was andere hysterisch bejubeln würden, macht der New Yorkerin aber Magengrummeln. Sie hat ein ganz anderes Ziel.Ingrid, es scheint, als sei die MySpace-Ära vorbei. Sind jetzt Fernsehspots und TV-Serien das neue Trittbrett, um im Pop bekannt zu werden?
Ingrid Michaelson: Es ist schon verrückt: In einigen Spots werden ja Songs von bestimmten Künstlern verwendet, aber keiner nimmt sie wirklich wahr. Der Erfolg hängt davon ab, für welche Firma der Spot wirbt, wie er aufgebaut ist, für was er wirbt, was das Konzept dahinter ist.
Nachdem einige deiner Stücke bei „Grey’s Anatomy“ liefen, kam der Erfolg. Popstücke hört man in beinah jeder Serie. Warum ist gerade dein Indiepop hängen geblieben?
Michaelson: Hinter der Serie muss ein gutes Konzept stehen, und natürlich muss sie auch gut gemacht sein. Wenn alles stimmt, fällt deine Musik den Leuten auf. Und dann ist es nicht mal nötig, dass dein Name im Abspann auftaucht. Viele Leute gehen einfach ins Netz, googeln die Lyrics und kaufen anschließend deine CD. Das ist total großartig!
In Deutschland erscheint dein neues Album zwar bei einem Majorlabel, in den USA arbeitest du aber weiterhin allein. Warum willst du denn keinen Plattenvertrag? Andere träumen davon …
Michaelson: Das Musikgeschäft ist durch iTunes und andere Plattformen unübersichtlich geworden. Da will ich mich doch nicht auf Leute verlassen müssen, die ich nicht mag oder die nicht verstehen, was ich eigentlich will. Da ich eh gern alles kontrolliere, habe ich auch gleich den CD-Verkauf übernommen.
… und über deinen Webshop sagenhafte 250 000 Platten verkauft. Was willst du mehr?
Michaelson: Was ich auf keinen Fall will: noch mehr Alben verkaufen … Ich weiß, wie schlecht es um die Musikbranche steht und wie viele Menschen Musik illegal herunterladen. Viel wichtiger ist es mir, weiterhin meine Musik machen zu können, die ich für wichtig und richtig halte. Ich will meine Fanbasis weiter ausbauen, aber nicht blitzartig, sondern gemächlich. Ich will nicht plötzlich ganz bekannt sein und dann wieder abstürzen. Ich wünsche mir eine Karriere, die sich langsam aufbaut und immer so weiterläuft. Etwas Echtes.
Ist es der echtere, bessere Weg, als Musiker klein anzufangen und erst einmal selbst Alben zu verkaufen, ohne Label?
Michaelson: Wenn du die richtigen Leute findest, die freundlich sind und dich und deine Kunst verstehen und mit dir zusammenarbeiten wollen, anstatt dich nur auszunutzen, dann ist das fantastisch. Wir leben in verrückten Zeiten. Jeder kann Platten machen und sie übers Web verkaufen. Und in solchen Zeiten habe ich lieber alles selbst in der Hand.
Wo schon die ganze Welt illegal runterlädt: Kaufst du dir wenigstens noch Platten?
Michaelson: Das klingt jetzt sicher nach lahmer Ausrede, aber das Laufwerk in meinem Laptop ist vor einem Jahr kaputt gegangen, und ich kann keine CDs mehr abspielen … Außerdem bin ich viel unterwegs, und da schleppe ich nicht meine Sammlung mit. Aber die Qualität der Stücke ist viel schlechter als auf einer CD. Ich weiß nicht, ob die Leute das wissen, denn sie kaufen ja immer weniger Platten. Der Sound ist jedenfalls so verwischt; es gibt keine Höhen und Tiefen mehr. Ich kaufe mir gern CDs wegen der Gestaltung und des Booklets, aber meistens lade ich mir auch Musik runter; es ist einfach, und du brauchst nicht so viel Platz. Ich lebe die meiste Zeit aus dem Koffer, da ist es viel praktischer, alles auf dem Laptop zu haben. Wenn ich mir noch Alben kaufe, dann nur noch solche, bei denen mir die Gestaltung besonders gut gefällt.
Interview: Mark Heywinkel
Foto: Gerald by Foris
© bunkverlag GmbH
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