Der Lügenbaron

Tilman Rammstedt hat sich den Bachmannpreis erschwindelt – mit einer gefälschten Reisegeschichte. Seine Rechtfertigung: Um miteinander leben zu können, brauchen wir die Lüge.

Tilman, müssen Autoren besonders gute Lügner sein?
Tilman Rammstedt: Das hat ja schon Aristoteles gesagt: Alle Dichter sind Lügner, und alle Fiktion ist eine Lüge. Wenn man das unterschreibt, kann man natürlich sagen: Je besser ein Schriftsteller ist, ein umso besserer Lügner ist er auch. Ich würde bei Fiktion aber nicht von Lügen sprechen, schließlich gilt ja der Konsens, dass eine Geschichte erzählt und dabei der Wahrheitsgehalt vergessen wird.

Aber lügst du nicht, wenn du mit „Der Kaiser von China“ einen Roman über eine Chinareise schreibst, selbst aber noch nie in dem Land gewesen bist?
Rammstedt: Ganz und gar nicht. In dem Buch habe ich mich ja doppelt abgesichert. Mein Erzähler täuscht eine Chinareise vor, er erfindet einen Reisebericht. Ich hätte diese Erzählerfigur nicht haben können, wenn ich selbst schon einmal in China gewesen wäre. Der Roman ist ja ein Spiel mit ausgedachtem und angelesenem Wissen. Wäre ich selbst mal dort gewesen, dann wären da vermutlich Eindrücke gewesen, gegen die ich mich nicht hätte wehren können. Außerdem gebe ich ja auch offen zu, dass ich China nicht kenne. Also: Der Erzähler lügt, der Autor nicht.

 Was hat dich daran gereizt, über einen Lügner zu schreiben?

Rammstedt: Ich finde Lügengeschichten extrem unterhaltsam, und sie bieten einen guten Erzählanlass: Es ist eine Not da, weswegen man glaubt, eine Lüge erfinden zu müssen. Außerdem ergibt sich ein unglaublich dynamisches Element. Wenn man behauptet, die Wahrheit abzubilden, kann man sie mit allen Unerklärlichkeiten stehenlassen. Bei der Lüge ist man aber viel pedantischer, andauernd muss geglättet werden.

Brauchen wir Lügen, um überleben zu können?
Rammstedt: Wir brauchen Lügen wohl nicht so dringend wie Luft, Wasser, Kleidung, Essen und vielleicht noch drei oder vier andere Dinge. Ich glaube aber, dass Lügen als Gesellschaftsstütze immens wichtig sind. Wir brauchen die Lüge, um miteinander leben zu können.

Das konkurriert mit der Erkenntnis, dass die Wahrheit immer im Auge des Betrachters liegt.
Rammstedt: Auch wenn diese postmoderne und subjektivistische Prämisse in vielen Bereichen etwas sehr Reinigendes mit sich bringt, halte ich sie in voller Konsequenz für gefährlich. Natürlich wurde dadurch das kritische Bewusstsein gestärkt, nicht jede scheinbare Wahrheit als Wahrheit anzunehmen. Aber man kommt sehr schnell in Teufels Küche, wenn man sagt: Die Wahrheit ist, dass jeder seine eigene Wahrheit hat. Die Konsequenz darf nicht sein, dass alles erlaubt ist und alles behauptet und getan werden darf. Das sind weder gute noch folgerichtige Konsequenzen. Man braucht etwas, woran man sich festhalten kann.

 Ist nicht das größere Problem, dass wir in unserem Alltag zu oft vergessen, dass es keine objektive Wahrheit gibt?

Rammstedt: Natürlich glauben wir viel zu oft, was wir in der Zeitung lesen, was wir im Internet sehen und was wir im Fernsehen oder auf der Straße hören. Vielleicht ist das ein über Jahrhunderte eingebläuter Reflex, dass man erst mal naiv ist und glaubt. Es ist immer nötig, alles zu hinterfragen, und dazu ist jegliches kritische Handwerkszeug wichtig. Aber wenn man dieses Handwerkszeug an nichts mehr festmachen kann, wenn das auch noch herumschwirrt, dann ist es auch kein Handwerkszeug mehr. Dann hat man nur noch Schulterzucken.

Erklärt diese Wahrheitsskepsis den starken Zulauf, den die Religionen in den letzten Jahren verzeichnen konnten?

Rammstedt: Religion war früher vor allem dafür da, unerklärliche Dinge zu erklären. Sie sollte Erkenntnis liefern und Bedrohung nehmen, indem behauptet wurde, dass hinter allem ein Gott steht. Heute ist sie eher dafür da, das Unerklärliche selbst zu sein. Man möchte endlich mal wieder nicht verstehen, was passiert. Deswegen wird auch nur noch selten ein Gottesbeweis versucht, was ja früher sehr en vogue war. Man will das nicht mehr hinterfragen, weil man ja schon alles andere hinterfragen muss und hinterfragen soll. Das ist wohl das Attraktive an Religiosität heute.

Seite: 1 | 2 | weiter >

.. gefunden in:

Dieser Artikel entstammt der Zeitschrift U_mag, dem Magazin für Popkultur und Gegenwart. Mehr auf www.umagazine.de

Kostenloses Probeabo
Exklusiv nur für Qdos-Member und die, die es werden wollen: Qdos liefert Euch die zwei nächsten Ausgaben des U_mag direkt nach Hause! Selbstverständlich kostenlos und völlig unverbindlich. Einfach hier die Mitgliedschaft beantragen!.


weitere Aktikel


Nicht nur eine Saison

Schön, dass Espace Killiwatch guter Garderobe einen zweiten Frühling schenkt - und seinen Besuchern bunte Stunden des Stöberns. Was viele nicht wissen: die Vintage Boutique bietet wahre Schmuckstücke.


> weiter
 

„Weil wir heute etwas verändern wollen“ - ein Statement an die Modewelt.

Kinderarbeit, Umweltverschmutzung, Billiglöhne. Das Kölner Modelabel Armedangels sagt Nein zu unfairen Machenschaffen in der Modeindustrie und setzt mit ihren Designs ein klares Zeichen: Biobaumwolle, kreatives Design und erschwingliche Preise für den Endverbraucher sind möglich.


> weiter
 

Ich bin viele

Die Schauspielerin Brigitte Hobmeier ist eine echte Schönheit – das will sie aber nicht hören. Wie bescheiden! Wovon sie wiederum auch nichts wissen will.


> weiter
 

Login

Username & Passwort:

Passwort vergessen?