Bloß keine toten Stars
Galerien zeigen, was sich verkaufen lässt, und die spannende Kunst hängt im Museum? Stimmt, sagt Galerist Robert Morat. Theoretisch. Die Praxis sieht zum Glück anders aus.Herr Morat, Sie sind Galerist – und zwar ausschließlich für Fotografie. Warum diese Selbstbeschränkung?
Robert Morat: Der Markt ist eng geworden, und ich war immer der Meinung, dass Galerien, in denen „aus jedem Dorf ein Hund“ hängt, es schwerer haben als Galerien mit einem definierten Profil. Ich wollte immer dahin kommen, dass man sagt: „Du sucht das und das? Dann geh da und da hin.“ Aber natürlich gibt es gerade heute eine ganze Reihe von Künstlern, die medienübergreifend arbeiten, die sowohl fotografieren als auch zeichnen, malen, Installationen und Skulpturen machen. Was ich spannend finde und begrüße – denn es bedeutet, dass die Fotografie mittlerweile ein gleichberechtigtes künstlerisches Medium ist.
Ist Ihre Reduktion auf Fotografie auch ein bewusster Gegenentwurf zum Spektakel der Kunstinszenierung, zu einer Art von Kunst, die ihre Multimedialität gern laut feiert?
Morat: Das Problem am Kunstmarkt ist ja, dass es ein Markt ohne wirkliches Bedürfnis ist. Der Ölmarkt funktioniert, denn wenn’s kein Öl gibt, dann frieren die Leute. Für Kunst muss man das Bedürfnis als Anbieter selber herstellen. Daher kommen der Glamour und das Rumgeschreie und die Hysterie, die auf diesem Markt herrschen. Und ehrlich gesagt beteiligen wir uns auch daran. Wir haben kürzlich eine Ausstellung gezeigt, die von Helmut Lang kuratiert war. Natürlich ist das auch ein Abzielen auf Medienwirksamkeit.
Müssen Sie sich in puncto Vermarktung als Galerist anders verhalten als ein Kurator?
Morat: Der Kurator muss nichts verkaufen. (lacht)
Keine Objekte. Aber er verkauft im Prinzip das Zeigen von Objekten.
Morat: Ja, indirekt muss der Kurator schon verkaufen. Niemandem macht es Spaß, eine Ausstellung zu kuratieren, die danach keiner sieht. Natürlich will und soll die Ausstellung wahrgenommen und besucht werden, und natürlich leben Museen neben den Subventionen auch von den Eintrittsgeldern.
Trotzdem sehen Sie Ihre eigene Aufgabe anders?
Morat: Wir haben fast jeden Tag Fotografen, die vorbeikommen und ihre Sachen zeigen. Es ist nicht die erste und auch nicht die zweite, aber schon die dritte Frage, die ich an eine Arbeit stelle, ob ich das auch verkaufen kann. Vieles finde ich unglaublich spannend und schön, und wäre ich Kurator in einem Museum oder Kunstverein … sofort! Aber oft sehe ich nicht so richtig, wie man das verkaufen kann. Das gilt zum Beispiel leider für alle Aspekte von Reportagefotografie.
Heißt das, Sie können nur zeigen, was sich garantiert gut verkaufen lässt?
Morat: Wer sich unser Ausstellungsprogramm anguckt, sieht, dass wir immer auch Reportage gezeigt haben. Weil ich die Disziplin einfach spannend finde. Es ist aber für die Verkäufe nicht so einfach. Das Gleiche gilt für Porträts. Ich halte Porträtfotografie für eine der spannendsten Disziplinen innerhalb der Fotografie. Eine der ehrlichsten, wenn sie gut gemacht ist. Trotzdem ist sie eine der schwierigsten für die kommerzielle Umsetzung in der Galerie.
Wie erklären Sie sich diesen Unterschied zwischen Faszination und tatsächlichem Kaufen?
Morat: Bei der Porträtfotografie gibt es einfach eine Zurückhaltung beim Publikum, sich fremde Menschen ins Wohnzimmer zu hängen – es sei denn, der Fotograf ist wahnsinnig prominent, Richard Avedon zum Beispiel. Oder es ist ein toter Star abgebildet: Romy Schneider, Marilyn Monroe …
Das hört sich ein bisschen deprimierend an. So, als ob man als Galerist nicht unbedingt die Wahl hat, was man zeigen möchte, weil das zahlende Publikum so einen festgefahrenen Geschmack hat.
Morat: Ich finde, dass es unbedingt auch Aufgabe von Galerien ist, neue Sachen zu zeigen, denn die etablierten hängen ja schon in den Museen. Meinem Verständnis nach sollte die Galerie immer auch ein Ort sein, wo man Sachen entdeckt. Ich habe große Bewunderung für Künstler wie Henri Cartier-Bresson. Das sind tolle Fotografen. Aber in meinem Selbstverständnis als Galerist kann ich für die nun wirklich nichts mehr tun. Die sind toll, aber es ist natürlich so, das eher die Galerie davon profitiert, wenn wir solche Fotografen ausstellen.
In dem Fall sind sie ja auch schon tot.
Morat: Junge, engagierte Fotografen zu finden und mit denen gemeinsam zu versuchen, etwas für ihre Arbeit zu tun: Das ist der wirklich faszinierende Aspekt von Galeriearbeit. Wenn man sich nur tote Schwarz-Weiß-Fotografen an die Wände hängt, dann ist man Kunsthändler. Das hat seine Berechtigung – aber ich find’s nicht so spannend.
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.. gefunden in: Dieser Artikel entstammt der Zeitschrift U_mag, dem Magazin für Popkultur und Gegenwart. Mehr auf www.umagazine.de Kostenloses Probeabo |
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