Geschwisterliebe

Anna und Dietrich Brüggemann sind Vorzeigegeschwister. Dass Familie gerade so angesagt ist, finden die Schauspielerin und der Regisseur trotzdem widerlich.

Dietrich, Anna, am Anfang dürft ihr lästern: Was nervt euch am anderen?

Anna Brüggemann: Da gibt’s eigentlich nur zwei Sachen. Zum einen, wenn der Punkt erreicht ist, an dem ich von Dietrich ernst genommen werden möchte.

Dietrich Brüggemann: Ein Wunsch, der seine eigene Erfüllung verbietet.
Anna: Und Dietrich mag es nicht besonders, wenn ich mitten in einem Gespräch beleidigt aufstehe und die Tür knalle. Das ist ja in der Tat auch nicht die nobelste Art, ein Gespräch zu beenden.

Ihr versteht euch ziemlich gut.

Anna: Stimmt. Für uns ist das normal. Aber wenn Leute sehen, wie eng Dietrich und ich sind, sind sie oft überrascht.

Weil viele Geschwister ein eher schwieriges Verhältnis zueinander haben.
Anna: Oder zumindest ein neutrales. Ich kenne viele, die über ihre Geschwister sagen: „Wir verstehen uns, aber wir haben uns nicht viel zu sagen.“


Dietrich: Ich glaube ja, dass es mit den Eltern zu tun hat, wenn Geschwister so dicke sind.

Inwiefern?

Dietrich: Ein gemeinsames Feindbild schweißt Menschen zusammen.

Anna: (lacht) Ich glaube, dass es bei uns so ist: Weil wir oft umgezogen sind, waren wir immer sehr auf die Familie angewiesen. Und wir teilen viele Erlebnisse, die wir mit sonst niemandem teilen. Und die auch niemand sonst versteht.

Ihr kommt nicht nur gut miteinander aus, ihr habt auch gemeinsam in einer WG gewohnt. Und obendrein arbeitet ihr zusammen.

Anna: Seit zwei oder drei Jahren, ja. Das finden die Leute immer noch viel krasser und skurriler als die Tatsache, dass wir so lange zusammengewohnt haben. Wobei das eigentlich total logisch ist: Wenn man sich gut versteht, und wenn man eh den gleichen Schnack hat, warum sollte man dann nicht miteinander arbeiten?

Weil womöglich Probleme auftauchen, die es mit Kollegen, zu denen man mehr Distanz hat, nicht gibt ...

Dietrich: Es ist genau umgekehrt. Bei allen anderen Leuten gibt es tausend Probleme, die man mit Geschwistern nicht hat. Man muss da auch unterscheiden. Wenn wir zusammen ein Drehbuch schreiben, ergänzen wir uns optimal. Das sind immer Höhenflüge. Anna als Schauspielerin und ich als Regisseur, das ist schon wieder eine andere Nummer.

Warum?

Dietrich: Ich schaue Anna komplett anders an als jeden anderen Menschen. Und es fällt mir bei ihr auch viel schwerer zu glauben, dass sie etwas spielt. Das ist doch die Anna, die kann doch jetzt nicht das Mordopfer im „Tatort“ sein! Ich weiß auch nicht, ob ich Lust hätte, einen romantischen Liebesfilm zu machen, in dem Anna die weibliche Hauptrolle spielt. Da wäre mir wahrscheinlich eine Schauspielerin lieber, die ich als Frau interessanter finden kann als meine eigene Schwester.

Seid ihr nicht auch Konkurrenten?

Anna: Null. Zum einen glaube ich, dass das eher ein Thema zwischen gleichgeschlechtlichen Geschwistern ist. Und zum anderen machen wir ja doch unterschiedliche Sachen. Mein Hauptaugenmerk ist das Schauspiel …

Dietrich: … und meins ist Regie. Und das Drehbuchfeld beackern wir gemeinsam.

Anna: Insofern gibt’s keine Konkurrenz. Es wäre bestimmt was anderes, wenn ich eine Schwester hätte, die auch Schauspielerin wäre. Und wir würden bei denselben Castings hocken.

Dietrich: Krass, Anna, wenn du eine Zwillingsschwester hättest, die auch Schauspielerin ist! „Mensch, welche von den Brüggemann-Zwillingen nehmen wir denn?“ „Egal, beide. Halbe Gage.“ (lacht)

Wie steht’s mit dem Konkurrieren innerhalb der Familie – zum Beispiel vor den Eltern?

Anna: Mit meiner großen Schwester hatte ich das auf jeden Fall, aber mit Dietrich nicht. Ganz grundsätzlich ist es wohl einfach so: Das höchste Gut für ein Kind ist die Aufmerksamkeit der Eltern, ihre Liebe. Deshalb ist dieses Konkurrenzding zwischen Geschwistern schon stark.

Dietrich: Da wird das kleine Brüderchen dann mit der Schere attackiert.

Anna: Das hängt natürlich auch stark von den Eltern ab. Wie die das managen, wie fair die sind.

Es gibt das Sprichwort: „Blut ist dicker als Wasser.“ Stimmt ihr zu?

Dietrich: Ich würde sagen: Blut ist dicker als Wasser, aber Wasser ist nicht zwangsläufig dünner als Blut. Wenn’s extrem wird und die Titanic untergeht, dann retten vielleicht alle erst mal ihre Familie. Aber trotzdem gibt es Freundschaften, die in ihrer Intensität an Verwandtschaft mindestens heranreichen.
Anna: Ich sehe das anders. In der Familie gibt es so eine Art automatisches Grundverständnis. Und Verwandtschaft ist nicht austauschbar, während man sich durchaus neue Freunde suchen kann.

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Dieser Artikel entstammt der Zeitschrift U_mag, dem Magazin für Popkultur und Gegenwart. Mehr auf www.umagazine.de

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