Mann ohne Format
Niemand schreibt in Deutschland bessere Krimis als Jan Costin Wagner. „Ich mag es, den Lesern etwas zuzumuten“, sagt er – und zerhackt mit seinem neuen Roman mal wieder unser Schubladendenken.Jan, wurdest du zu deinem neuen Roman inspiriert, weil du dir zu viele Talkshows und Reality-Formate auf RTL angesehen hast?
Jan Costin Wagner: (lacht) Zu viele nicht, ein paar wenige haben schon gereicht.
In „Im Winter der Löwen“ setzt ein Gesprächsthema einer Person derart zu, dass sie die Gäste der Sendung tötet und einen Mordanschlag auf den Talkmaster verübt. Soll dieser drastische Fall die komplette Abwesenheit ethisch-moralischer Grundsätze bestimmter TV-Formate offenlegen?
Wagner: Tatsächlich gab es einen konkreten Auslöser. Ich habe eine Talkshow gesehen und mich gefragt, ob eine derartige Reaktion ausgelöst werden kann. Diese Formate wollen alles enthüllen. Indem über alles geredet wird, soll alles offengelegt werden. Dabei ist jedoch das Bewusstsein für den Kern der Themen verloren gegangen. Sie wollen alles begreifen, und am Ende verstehen die Protagonisten dieser Formate gar nichts mehr.
Diese Sendungen werden ja schon seit langer Zeit massiv angegriffen. Ist es nicht geheuchelt, wenn wir alle diese Formate kritisieren, aber die Sendungen trotzdem unglaublich erfolgreich sind?
Wagner: Genau deswegen habe ich das Buch geschrieben: Weil die Kritik genauso oberflächlich bleibt wie die Formate selbst. Ich will in meinen Romanen eigentlich nie eine bestimmte Art von Kritik üben, sondern ein Thema für mich und die Leser begreifbarer machen. Deswegen habe ich etwa den Talkmaster weder positiv noch negativ dargestellt. Es soll gar nicht über ihn geurteilt werden. Ich wollte erreichen, dass er innerhalb der Romanwelt real wird und dadurch ein Begreifen einsetzt, dass weder durch das Konsumieren noch durch das Kritisieren dieser Formate erreicht werden kann. Auch wenn ich über meinen Roman rede, kann ich die Dinge nicht so auf den Punkt bringen, wie der Text selbst es tut. Für mich gilt eigentlich dasselbe wie für die Talkshows und die floskelhafte Kritik an diesem Format: Das Darüber-Reden führt zu nichts.
Trotzdem ist doch auch in deinem Roman eine ganz eindeutig kritische Haltung gegenüber diesen Sendungen eingeschrieben.
Wagner: Natürlich. Aber mir war es wichtig, zu jeder Figur eine Nähe zu haben und ihr auch in ihren Schwächen gerecht zu werden. Selbst wenn manche Charaktere etwas zugespitzter gezeichnet sind, niemals würde ich die Mitarbeiter des Fernsehsenders eindimensional als TV-geschädigten Mob darstellen. Kritik gelingt nur dann, wenn sie auch die andere Seite mitdenkt und die Bedingungen berücksichtigt, unter denen diese Menschen handeln. Ansonsten ist man schnell bei dieser platten Kritik: Die bösen Medien machen uns zu bösen Menschen. Und wenn es ganz schlecht läuft, folgen dann auch noch eindimensionale Lösungsvorschläge wie etwa der Ruf nach gesetzlichen Regelungen oder Zensur.
Aber wie kommen wir denn aus der Nummer wieder raus? Die Situation spitzt sich ja immer weiter zu, weil sich die Medien gegenseitig mit Abartigkeiten überbieten müssen, um im Geschäft zu bleiben.
Wagner: Stimmt, die Entwicklung wird wohl so verlaufen, dass immer mehr enttabuisiert wird, während die eigentliche Intimität immer ferner rückt. Und dabei stumpfen wir immer mehr ab. Neulich habe ich bei Bekannten einen kleinen Jungen beobachtet, der völlig gelangweilt eines dieser drastischen Sinnloscomputerspiele gespielt hat, bei denen wir alle noch vor einigen Jahren vor Schreck in Ohnmacht gefallen wären. Aber wollen wir deshalb zurück in die Medienwelt von vor 30 Jahren? Die gegenwärtige Entwicklung ist nicht gut, aber die Tabus waren es auch nicht. Wir brauchen etwas anderes, wobei ich auch nicht so genau weiß, wie das auszusehen hat. Aber hey, ich bin nur Schriftsteller. (lacht) Ich bin froh, wenn ich ein Bewusstsein für allzu platte Botschaften schaffen kann und meine Figuren zu Vermittlern dafür werden, wie vielschichtig bestimmte Themen sind.
![]() |
.. gefunden in: Dieser Artikel entstammt der Zeitschrift U_mag, dem Magazin für Popkultur und Gegenwart. Mehr auf www.umagazine.de Kostenloses Probeabo |
Nicht nur eine SaisonSchön, dass Espace Killiwatch guter Garderobe einen zweiten Frühling schenkt - und seinen Besuchern bunte Stunden des Stöberns. Was viele nicht wissen: die Vintage Boutique bietet wahre Schmuckstücke. |
> weiter |
|
| |
||
„Weil wir heute etwas verändern wollen“ - ein Statement an die Modewelt.Kinderarbeit, Umweltverschmutzung, Billiglöhne. Das Kölner Modelabel Armedangels sagt Nein zu unfairen Machenschaffen in der Modeindustrie und setzt mit ihren Designs ein klares Zeichen: Biobaumwolle, kreatives Design und erschwingliche Preise für den Endverbraucher sind möglich. |
> weiter |
|
| |
||
Ich bin vieleDie Schauspielerin Brigitte Hobmeier ist eine echte Schönheit – das will sie aber nicht hören. Wie bescheiden! Wovon sie wiederum auch nichts wissen will. |
> weiter |
|
| |
||

