Ich bin viele

Die Schauspielerin Brigitte Hobmeier ist eine echte Schönheit – das will sie aber nicht hören. Wie bescheiden! Wovon sie wiederum auch nichts wissen will.

Es könnte die Anfangsszene eines Films sein. Gehetzt taucht Brigitte Hobmeier in dem kleinen Garten vorm Münchner Lenbachhaus auf, bleibt kurz stehen, blickt sich suchend um. Dann eilt sie quer durch die Anlage. Mit ihrer Porzellanhaut und den hellroten Haaren wirkt sie wie ein Fremdkörper zwischen den braun gebrannten und verschwitzten Touristen, und tatsächlich bleiben einige der anderen Besucher stehen und blicken ihr nach. Die Schauspielerin merkt davon nichts. „Es tut mir furchtbar leid, dass ich so spät bin!“, ruft sie; dabei ist es gerade mal fünf Minuten nach der verabredeten Zeit.

 

Brigitte Hobmeier ist eine korrekte Person. Nicht nur ihre aufrichtig gemeinte Entschuldigung zeigt das, sondern auch die Art, wie sie ihr schwarzes ärmelloses Top über ihrer Stoffhose zurechtzupft, sich dann mit geradem Rücken auf einen Gartenstuhl setzt, ein erwartungsvolles Lächeln auf den Lippen. Bedächtig und bodenständig, dabei auf eine brave Art schön – solche Beschreibungen fallen einem beim Anblick der 32-Jährigen ein. Auf die Rollen, die sie in den letzten drei Jahren an den Münchner Kammerspielen gespielt hat, treffen die allerdings überhaupt nicht zu; in Elfriede Jelineks „Ulrike Maria Stuart“ war sie eine eitle Revolutionärin, in Ödön von Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“ ein gefallenes Mädchen, in Fassbinders „Die Ehe der Maria Braun“ eine gestandene Frau. Und in der Verfilmung von Judith Hermanns Erzählungsband „Nichts als Gespenster“ mimte sie im letzten Jahr eine Schönheit, die kühl und kühn mit den Gefühlen eines Verehrers spielt. Trotzdem gibt es diese Schublade, in die man sie nur allzu gerne stecken will. „Manchmal bin ich irritiert darüber, was andere Menschen in mir sehen“, sagt sie selbst zu solchen Charakterisierungen. „Da heißt es dann: Brigitte Hobmeier, die Erotische. Das irritiert mich. Und ich denke: Schön, dass du das in mir siehst. Aber ich nehme es nicht an. Ich hole mir so eine Sicht von außen nicht ein, um dann zu sagen: Okay, das bin also ich. Ich gehe aber eben auch nicht hin, um klarzustellen, dass das Bild womöglich falsch ist. Was bringt das?“
Dass es trotz ihrer vielseitigen Rollen ein so homogenes Bild von Brigitte Hobmeier gibt, hat auch mit ihrem Aussehen zu tun. Der schmale Körper. Die blasse Haut. Die unzähligen Sommersprossen. Die hohe Stirn. Die beinahe farblosen Augenbrauen und Wimpern. Der herzförmige Mund. Diese schweren, glänzenden Haare, mit denen ihre Finger permanent spielen. „Sicher, am Ende stehe immer ich da auf der Bühne, mit meinem Körper und mit meiner Stimme. Man kann sich ja nicht umoperieren oder wegdenken“, kommentiert sie unprätentiös. Dass sie eine Schönheit ist und auch so wahrgenommen wird, egal in welchem Kostüm sie steckt – das will sie nicht hören. „Ich weiß nur, dass ich mich als Kind und Jugendliche immer als hässliches Entlein gesehen habe“, sagt sie und lacht unsicher; ein Lachen, das klingt wie das lautmalerische „Hahahaha“.

Korrekt und bodenständig. Mit ihrer überhaupt nicht koketten Selbstkritik bestätigt sie diesen Eindruck. Ist ihr das bewusst? „Ach, ich weiß nicht“, sagt sie nach langem Überlegen. „Solche Begriffe reichen doch nicht aus, um einen Menschen zu beschreiben. Bestimmt bin ich bodenständig – ich denke nicht, dass diese Welt sich alleine um mich dreht. Aber ich bin auch ein Fantast, mit ganz vielen Träumen und Wünschen.“ Ihr Blick heftet sich an irgendeinen Punkt auf dem Boden, sie runzelt die Stirn, dann schaut sie wieder auf und lächelt entschuldigend: „Am Ende geht es mir doch um meinen Beruf. Und deshalb habe ich das tiefe Bedürfnis, genau darüber zu sprechen. Über meine Arbeit, meine Rollen, meine Filme. Über mich persönlich muss niemand Bescheid wissen.“ Die Ansage ist höflich, aber deutlich formuliert: Bitte keine weiteren Fragen in diese Richtung, bitte nicht noch mehr Persönliches. Kein Problem. Schließlich ist es auch für ihre Arbeit wichtig, wie sie von anderen wahrgenommen wird. Dann nämlich, wenn Regisseure sie ganz bewusst als bestimmten Frauentyp einsetzen.

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Dieser Artikel entstammt der Zeitschrift U_mag, dem Magazin für Popkultur und Gegenwart. Mehr auf www.umagazine.de

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